Wiedersehen

März 2019. Meine Tochter Lisa ist von Bremen zu ihrer Freundin Svenja nach Oldenburg gezogen. Mein Partner Martin und ich freuen uns, sie dort das erste Mal zu besuchen. In der Nähe von Lisas und Svenjas Wohnung finden wir das hübsche, kleine Hotel Villa Stern mit sehr individuell eingerichteten Zimmern. Wir beziehen schnell unser Zimmer und holen dann Lisa zum Essen ab, da Svenja Nachtdienst im Altenheim hat, wo sie arbeitet. Ich freue mich total, Lisa zu sehen und wir haben einen tollen, lustigen Abend mit viel zu erzählen und leckerem Essen. Es wird spät und wir fahren irgendwann totmüde ins Hotel und fallen in die Betten.

Villa Stern

Erst am nächsten Morgen begreifen wir die Schönheit und Gemütlichkeit des Hotels. Der Frühstücksraum der Villa Stern ist zauberhaft. Ein kleines aber sehr feines Frühstücksbuffet. Tee, Kaffespezialitäten, frische Produkte. Martin und ich freuen uns über die aufrichtig freundliche Bedienung. Wir unterhalten uns wie immer über Gott und die Welt, eben über die Dinge, die uns bewegen. Der Besuch bei Lisa war eine Station auf dem Weg zu einem Seminar in die Nähe von Hamburg. Was war das doch für ein schöner Abend gestern. Wie jedes Mal toll, wenn ich mein Saubärchen sehe – viel zu wenige Male im Jahr.

Tränen

Ich trinke Tee. Wir reden, alles wie immer… Unvermutet, ganz langsam füllen sich meine Augen mit Tränen, rinnen beinahe unbemerkt, weil lautlos den Weg über meine Wangen auf mein rotes Kleid, wo sie kleine nasse Flecken hinterlassen. Ich bin ganz still. Martin scheint fast erschrocken: „Was ist los?“ Mein Hals ist zugeschnürt, ich kann kaum sprechen. Ich sammle mich. Kann nicht antworten. Die Tränen laufen und laufen. Was ist geschehen?

Ich beobachte meine Gedanken.

Villa Stern in Oldenburg. Die Villa Stern ist ein Inklusionshotel. Ein Kellner und eine Kellnerin, die so freundlich, aufmerksam und zuvorkommend sind, wie man dies im Service selten erlebt. Auf mein „Danke“, erfolgt ein „Gerne“, für mich immer ein Zeichen von guter Service-Schulung. Alles perfekt. Beide haben Trisomie 21. Und während uns die beiden bedienen dachte ich: „Wie toll der Service uns verwöhnt, wie prima die jungen Leute den Service managen, sich um alles kümmern. Welch überaus wertvolle Menschen, die solche Freude ausstrahlen und damit auch unser Frühstück zu einer Freude machen.“

Normale Gedanken! Gute Gedanken! Warum weine ich?

Ich weine, weil ich diese Gedanken habe – und Inklusion damit eben nicht selbstverständlich implementiert ist. In Maßnahmen vielleicht ja – in Köpfen damit noch lange nicht. Ich bin weltoffen, respektiere Menschen trotz und für ihre Andersartigkeit und dennoch ist es für mich eben nicht selbstverständlich, dass diese tollen jungen Menschen ein normaler Teil meiner Welt sind.

Inklusion. Toll! Aber: Solange wir für die selbstverständliche Einbeziehung aller Menschen in unsere Gesellschaft einen Begriff brauchen, dies als besonders erwähnenswert finden – solange bin ich traurig, denn dann ist es eben nicht selbstverständlich, dass ALLE Mitglieder einer Gesellschaft als Besonders im Besten Sinn angesehen werden. Und darum: Fuck Inklusion. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der wir den Begriff nicht mehr brauchen.

So ein wertvoller Moment für mich. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich dachte: „Wie toll „die“ das hier machen.“ Und dafür schäme ich mich und bin entsetzt über mich selber.

Aber…

Die „mich-erwischen-Momente“ sind für mich die besonderen Momente in meinem Leben – denn ab da kann ich etwas ändern!

Ich arbeite an meinem Mindset und in meinem Wirkkreis daran, dass kein Unterschied mehr besteht. Mich weiter dafür einsetzen, dass Inklusion kein Projekt einer Gesellschaft ist, die Inklusion doch gar nicht will – wenn sie ehrlich ist – sondern selbstverständlich. Mein Herz wird weiter laut schlagen für die „schwierigen“ Menschen, ich werde weiter „randgruppenaffin“ sein. Aber ich werde mich bewusster damit auseinandersetzen, wie wichtig es ist nicht mehr zu denken: „Wie toll „die“ das hier machen.“ Sondern einfach nur: „Was ist das für ein toller Mensch.“ Unabhängig von Bedingungen oder Kontext. Und die Villa Stern wird uns noch öfter als Gäste sehen. Nicht, weil es ein prima Projekt ist, sondern weil es ein tolles Hotel ist. Punkt.

Grenzen einreißen – beginnt in meinem eigenen Kopf!